|
Izola bis Corfu 98 |
23.Törn |
| 22. August 98 bis 30. August 98 |
Törnverlauf:
Samstag - von Izola in Slowenien (2) nach Umag in Kroatien (3)
Sonntag und Montag - von Umag 60-Meilen-Schlag nach Ancona in Italien (4) und Nachtfahrt bzw. 60-Meilen-Schlag nach Milna auf Brac in Kroatien (5)
Dienstag - von Milna nach Dubrovnik (5)
Mittwoch und Donnerstag - von Dubrovnik Nachtfahrt bzw. 60-Meilen-Schlag nach Brindisi in Italien (7)
Donnerstag und Freitag - von Brindisi Nachtfahrt bzw. 60-Meilen-Schlag in die Marina Gouvia auf Kerkyra/Korfu in Griechenland (8)
Gesegelte Meilen: 453 Sm
Motormeilen: 114 SM
___________________________
gesamt 567 SM
Vorgeschichte
Beim Austria-Cup 98 drückt mir irgendjemand einen (laut Duden in Österreich auch ein) Prospekt in die Hand. "Mit der "Kreta", dem schnellsten Segler Österreichs, nach Tunesien", steht da geschrieben. Man kann auch wochenweise einsteigen. "IOR 50-Füßer, gezeichnet von Bruce Farr. Admiralscup-Sieger 89. Hat als "Jamarella" am berühmten Sydney-Hobart Race teilgenommen. 15,22 m lang, 4,46 m breit, Tiefgang 2,85 m. Segelfläche am Wind 185 qm." Irgendwie wärs schon mal interessant, auf so einer Rennziege mitzufahren, die man bei den Regatten meistens nur von hinten sieht. Wie war das mit dem "Wochenweise einsteigen"? Der erste Abschnitt von Izola über Dalmatien nach Korfu beinhaltet vier B-Überfahrten. Ich brauche ohnehin noch zwei für die Erweiterung. Naja, vielleicht erkundige ich mich einmal ...
Samstag, 22. August 98
Und so kommt es, daß ich heute, knapp nach Mitternacht, im Zug nach Koper sitze, auf dem Weg zur "Kreta", dem schnellsten Segler Österreichs, IOR 50-Füßer, gezeichnet ... Bis Marburg sitze ich gemeinsam mit fünf anderen Passagieren relativ eng, aber dann habe ich Platz in Hülle und Fülle und kann es mir bequem machen. Mit einer schwachen halben Stunde Verspätung rollt der Zug in Koper ein, und dort wartet schon das Abholkommando, das die Crew der "Kreta" für die nächste Woche vom Bahnhof abholt. Außer dem Skipper werden wir eine fünf Mann und eine Frau starke Crew sein, eigentlich recht wenig für ein so großes Schiff, das bei Regatten mit bis zu 18 Leuten unterwegs ist.
Die "Kreta" liegt in Izola, aber bevor wir zum Schiff fahren, wird unterwegs erst einmal ordentlich gefrühstückt, und das halte ich für ein gutes Omen, denn ein Törn, der so beginnt, kann nicht schlecht werden.
Johannes Schwartz, der Eigner und Skipper der "Kreta", hat noch einiges zu erledigen, und das gibt uns Gelegenheit, uns erst einmal das Schiff anzuschauen. Auf den ersten Blick mutet es mit seiner Pinne, dem riesigen Cockpit und dem flachen Deck an wie eine überdimensionale Jolle. Ausgestattet ist es mit Rohrkojen und auch sonst - seiner Bestimmung entsprechend - recht spartanisch, aber wie wir in den nächsten Tagen merken werden, ist alles bis ins kleinste Detail funktionell bis zum Gehtnichtmehr. Dazu steckt alles voller "high tec". Und Hannes hat immer etwas zu verbessern, zu optimieren, zu tüfteln ... Die "Kreta" liegt beispielsweise erst seit zwei Tagen wieder im Wasser, nachdem Johannes vorher den Saildrive in eine Wellenanlage umgebaut hat. Erst gestern war die Testfahrt.
Wir bunkern noch einen größeren Posten an Lebensmitteln und machen auch sonst einige Kleinigkeiten fertig, dann legen wir gegen drei Uhr ab. Aus Rücksicht auf uns, schließlich haben wir ja eine nächtliche Anreise hinter uns, werden wir heute nur einen kurzen Schlag machen, nach Umag.
Schon allein das Segelsetzen ist bei diesem Schiff ein wenig anders als das, was ich in der letzten Zeit so gewohnt bin, denn heute hat nahezu jedes Charterschiff eine Rollgenua, und die Schiffe meiner letzten Jahre waren ebenso fast durchwegs mit Rollgroß ausgestattet. Hier aber werden je nach Wind die verschiedenen Segel immer völlig neu gesetzt, und bei der Vielzahl der Leinen auf der "Kreta" ist das manchmal kein leichtes Unterfangen, das richtige Ende zu erwischen. Trotzdem, die Segel stehen, und wir erreichen schließlich Umag. Unterwegs erlebe ich ein weiteres Novum: Wir fahren mit 5,4 Knoten bei 5 Knoten wahrem Wind. Zum ersten Mal bin ich mit einem Schiff schneller als der Wind!
In Umag wird zuerst an der Zollmole angelegt und einklariert, dann fahren wir zur Marina an die Tankstelle und bunkern Diesel in Kanister, denn der Originaltank dieses Regattaschiffs nimmt nur wenige Liter auf. Zurück gehts in den Hafen, aber da paßt Hannes einiges nicht, und dann finden wir uns an der Außenmole der Marina wieder. Doch dort steht ziemlicher Schwell darauf. Also zurück an die Hafenmole. Eines der Crewmitglieder meint resignierend: "Jetzt halten sie uns wahrscheinlich für die Fähre."
Letztendlich liegen wir sicher fest, die Leute laufen bewundernd zusammen, und ein ganz Seeerfahrener stellt fest: "Ein schönes Schiff haben Sie da. Das ist doch sicher ein Segelschiff, oder?" Ein Polizist verrät uns auf unsere Frage seinen Geheimtip unter den hiesigen Lokalen, und wir essen gar nicht übel bei "Mischa". Ein Verständigungsproblem besteht nicht, denn Johannes spricht - als gebürtiger Burgenlandkroate - mit Deutsch und Kroatisch zwei Muttersprachen, und unser Mitsegler Peter aus Südtirol ist mit Deutsch und Italienisch ebenso mit zwei Muttersprachen aufgewachsen, und Italienisch versteht und spricht hier in Istrien jeder.
Ich allerdings habe schon ein Problem, nämlich ein Kojenproblem: Die Rohrkojen mögen ja für einen "Rückenschläfer" optimal ausgelegt sein, aber ich als "Bauchschläfer" habe so meine Schwierigkeiten, die Arme unterzubringen. Irgendwann werde ich auch dafür eine Lösung finden.
Sonntag, 23. August 98
Heute solls den ersten 60er geben, und zwar nach Ancona. Vorher aber - und das ist hier toll - können wir schon um sechs Uhr in einem Café ein Frühstück bekommen: Capuccino mit Krapfen. Vorerst ist mit dem Wind noch nicht allzuviel los, die Genua 1 und das Groß ziehen uns dahin, aber am Vormittag wird es plötzlich stürmisch: Segelwechseln ist angesagt. Trotz einiger Hektik schaffen wir es, zuerst die Genua 3, dann das Trysegel und letztlich die Sturmfock zu setzen. Mit sechs Windstärken düsen wir mit der verhältnismäßig geringen Segelfläche ganz schön flott dahin.
Unterwegs teilt uns Hannes in zwei Wachen ein, denn während der nächsten Tage sind ja mehrere lange Schläge vorgesehen, und da einige Nachtfahrten nötig sind, geht es ohne Wacheinteilung nicht. Das gibt mir gleich Gelegenheit, ein paar Worte zu den Crewmitgliedern zu verlieren:
1. Wache:
Klaus - ältestes Crewmitglied, A-Schein-Besitzer, vertreibt CNC-Maschinen, was immer das auch sein mag; Afrikaerfahrung
Günter - Tofu-Erzeuger, nachdem ihn der Hochbau, sein eigentliches Metier, nicht mehr interessiert hat; unterwegs zum B-Schein; Asienerfahrung
Erich - ich selbst, und daher Eigenerfahrung
2. Wache:
Eva - Chemikerin, verantwortlich für die Produktion von Beton, Zement, Mörtel, Verputz und anderem Gatsch; B-Schein; Hannes-Erfahrung
Georg - studiert Lebensmittelbiologie oder irgendwas in der Richtung; unterwegs zum B-Schein; Unterwassererfahrung
Peter - Bildhauer aus Meran, bei dem die Pizza hoach und groaß sein muß; kein Schein; macht gerade zweite Erfahrungen
(Jo-)Hannes selbst, der Skipper und Eigner, ist von Beruf 1. Segler, 2. Segler, 3. Segler. Vertreibt sich die segellose Zeit mit der Entwicklung wasserstoffbetriebener Energiequellen. Ist bereits mit allem und allen gesegelt, was in Österreich und auch sonstwo seglerischem Rang und Namen hat.
Eigentlich wollte Peter, als wir gegen Mitternacht in Ancona einlaufen, "Pasta" kochen, aber der Dieselherd macht Mucken, und so entscheiden wir uns dafür, einen kunterbunten Salat zu bereiten und dann weiterzusegeln.
Montag, 24. August 1998
Vis ist als Etappenziel des heutigen Nachtschlags, der wegen der großen Entfernung auch den Tag über andauern wird, vorgesehen. Leider steht uns der Wind viel zu sehr auf die Nase, und wir versuchen so hoch wir möglich zu segeln. Es sollte sich meinen Berechnungen nach gerade ausgehen, bei Solta auf die kroatischen Inseln zu stoßen; Vis werden wir sicher nicht schaffen. Die Wellen sind heute höher als gestern, der Wind ist teilweise auch recht stark, wir werden manchmal regelrecht "überspült" und sind patschnaß. Ohne Ölzeug wäre auf diesem Schiff mit dem niedrigen Freibord ein Segeln unter diesen Verhältnissen fast unmöglich. Die Bordroutine mit den Wachen funktioniert hervorragend: Die Wachen während der Nacht dauern vier Stunden, die während des Tages sechs Stunden, so daß am nächsten Tag alles um eine Wache weiterrückt.
Zum Rudergehen mit der ungewohnten Pinne sei gesagt, daß ich zu Beginn viel zu heftig reagiere. Im Lauf des Tages geht es mir aber immer besser, und als ich beim Ansteuern der Durchfahrt Drvenik - Solta mit viel Konzentration doch noch genug Höhe heraushole, um problemlos durchzukommen, ernte ich sogar großes Lob von Hannes. Auf der "Kreta" wird ja kaum nach Kompaß gefahren, sondern nach Windeinfallwinkel und natürlich nach den Segeln. Zudem gibt es eine Unmenge an elektronischen Anzeigen, die man abfragen könnte; sogar die Vorstagspannung kann zum besseren Trimmen der Backstagen angezeigt werden.
Die letzten paar Meilen nach Milna auf Brac, für das wir uns zum Übernachten entschieden haben, laufen wir unter Motor. Vor der Einfahrt übersehe ich eine Absperrleine, die vermutlich den Schwimmerbereich abgrenzen soll, und wir haben viel Glück, daß sich die Leine von unserem Ruder wieder löst; ich hatte mich geistig schon aufs Tauchen eingestellt.
Nach dem Abendessen setzen wir uns noch in ein Café, dann gehts in die Kojen. Mein Magen mag nicht so recht, ich schlafe in der engen Koje miserabel. Um halb drei, als ich gerade am Eindösen gewesen sein muß, bittet man Hannes, das Schiff wegzulegen, weil eine Fähre kommen wird. Ich krabble, irgendwie muß ich vom Verlegen des Schiffs wachgeworden sein, auch heraus, aber Hannes hat alles allein erledigt. Weil ich schon an Deck bin, "verhole" ich mich mit meinem Schlafsack ins Cockpit, das genügend ebene Fläche bietet, und schlafe den Rest der Nacht hervorragend. Also, ich habs ja geahnt, daß es eine Lösung für mein Schlafproblem gibt.
Dienstag, 25. August 1998
Nach Dubrovnik oder nach Brindisi, wohin solls heute gehen? Das ist eine Frage, deren Beantwortung wir vorerst dem Wind überlassen. Der herrliche Segelwind zwischen Brac und Hvar läßt uns eher daran denken, Brindisi anzusteuern, aber als wir an Korcula vorbei sind, schläft der Wind fast ein, und so entscheidet sich Johannes für Dubrovnik. Mir solls recht sein, denn dort war ich auch noch nie, und Dubrovnik wollte ich sowieso schon längst einmal sehen.
Unterwegs legen wir eine Badepause ein. Bei dieser Gelegenheit kann unser Taucher Georg gleich einen Blick auf die Schraube werfen, denn sie scheint sich manchmal nach Gebrauch nicht zuzuklappen; diese Rennyacht hat natürlich einen sündteuren Klapppropeller. Das Wasser ist herrlich warm, und so setzen wir frisch gebadet unseren Weg nach Dubrovnik unter Motor fort.
Die Einfahrt zur Marina führt über einen drei Meilen langen Fluß oder flußähnlichen Meeresarm, an dessen Ende der Yachthafen liegt, denn die Serben im Krieg zum "Schifferl versenken" benützt haben. Auch jetzt ist noch viel Platz, allerdings nur für kleine Schiffe, denn hier in Dubrovnik liegen sehr viele große Yachten mit viel Tiefgang an der Außenmole bzw. am äußersten Steg. Direkt neben uns liegt eine 30 Meter lange Jongert vom Allerfeinsten, selbstverständlich mit Proficrew. Wir müssen an Moorings römisch-katholisch anlegen. Weil es aber auf der "Kreta" keine Belegklampen gibt, scheint mir dies ein Problem. Allerdings hat Hannes, der Tüftler, sofort eine Lösung parat und legt die Mooringleinen über Blöcke an zwei Winschen um. Natürlich hat er dieses Problem nicht zum erstenmal, aber trotzdem: Hannes findet immer eine Lösung, so verzwickt kann ein Problem auf diesem Schiff gar nicht sein.
Klaus hat sich in der Früh in Milna den Knöchel gewaltig verstaucht, sein Fuß ist fast doppelt so dick als normal, was natürlich zu einer unfreiwilligen Liegepause für ihn geführt hat. Nun ist zwar unsere Wache um einen Mann reduziert, doch Günter und ich sind auch so gut klargekommen.
Leider ist es schon nach elf, zu essen gibts nichts mehr, aber ein kühles Bier ist immer noch zu bekommen, und unser eissüchtiger Skipper, nicht nur ein Seebär, sondern gewissermaßen auch ein Eisbär (oder Eistiger), kann sich sogar noch mehrere Portionen zu Gemüte führen. Der Hunger ist ohnehin nicht so groß, denn unterwegs hat es endlich die Spaghetti à la Peter gegeben.
Mittwoch, 26. August 98
Johannes hat uns fast den ganzen Tag "freigegeben", und so steht natürlich für Eva, Georg, Günter, Peter und mich einem Dubrovnik-Besuch nichts im Wege. Hannes wird am Schiff einiges in Ordnung bringen, und auch Klaus bleibt am Schiff, er muß ohnehin sein Bein noch schonen.
Mit dem Taxi fahren wir - zu fünft - zur berühmten Altstadt, kaufen uns dort eine Eintrittskarte für die Stadtmauern und machen einen Rundgang um die südliche Mauer. Man hat einen wunderschönen Rundblick und kann sich leicht vorstellen, daß diese Festung so gut wie uneinnehmbar gewesen sein muß. Im letzten Bürgerkrieg haben viele der alten Häuser sicher mehr gelitten als während mehrerer Jahrhunderte zuvor. Die meisten sind - bis auf die Spuren von Kugel- und Granatsplittereinschlägen allerdings längst wieder restauriert. Nur eine Tafel erinnert noch an das ursprüngliche Ausmaß der Verwüstung.
Auf dem Platz vor der Kathedrale, in die wir auch einige Blicke werfen, sollen sich angeblich samstags die schönsten Frauen der Gegend treffen. Heute ist allerdings Mittwoch, da zeigen sich wohl nur die weniger schönen, denn mit Graz oder selbst Voitsberg ist das nicht zu vergleichen, was hier an Weiblichkeit promeniert. Trotzdem ist es lustig, bei einem Eiskaffee im Café zu sitzen und den Strom der Vorübergehenden zu beobachten.
Exzellent schmeckt uns das Mittagessen, bedient von ausnehmend freundlichen Kellnern. Dann wird es Zeit für den Rückweg, diesmal mit dem Bus. Leider sind die Hochhäuser am Stadtrand in Richtung Marina ausgesprochene Bausünden. Fast schade, daß nicht sie im Krieg zerstört worden sind, sondern die historischen Gebäude.
Nach dem Ablegen fahren wir zum Hafen von Gruz, wo erst ausklariert werden muß. Als eine nette Zollbeamtin gemeinsam mit dem Skipper die Pässe durchgeht, führt Hannes plötzlich einen pittoresken Ausklariertanz auf. Es stellt sich allerdings bald heraus, daß das nicht zu den offiziellen Gepflogenheiten gehört, sondern daß er nur Kaugummi am Schuh kleben gehabt hat.
Im Lee einer kleinen Insel sind wir eben dabei, die Segel zu setzen, als plötzlich der Motor ausfällt. Vermutlich ist der Kanister leer, aus dem er seinen Treibstoff bezieht. Die Lage wird nicht von allen als so brenzlig erkannt, wie sie wirklich ist, denn sonst wäre das Großsegel sicher schneller oben gewesen ! Mit Wriggen - ein Vorteil, den die Pinne gegenüber dem Rad bietet - dreht Johannes das Schiff schließlich vom beängstigend nahen Ufer, wohin es die Strömung treibt, wieder weg.
Jetzt folgt dafür Segeln pur, und das in seiner allertollsten Ausprägung. Der Jongert, die eine Stunde vor uns ausgelaufen ist, kommen wir Meile für Meile näher, ich breche mit 9,64 Knoten speed sogar locker meinen persönlichen Geschwindigkeitsrekord, seinerzeit auf einer First 45f5 mit 9,2 Knoten aufgestellt. In der Nacht sehen wir plötzlich eine Menge roter Punkte von der Meeresoberfläche aufsteigen; grelle Blitze zerreißen die Dunkelheit. Es sind offenbar Hubschraubermanöver der NATO, die wir da mitverfolgen.
Acht Minuten nach sechs geht die Sonne auf, blutrot hebt sich ihr Ball langsam über den Horizont, Zeit zum Schlafengehen für mich.
Donnerstag, 28. August 98
Gegen zehn legen wir im riesige Hafen von Brindisi an, aber plötzlich kommt aufgeregt einer auf uns zugelaufen und deutet, wir sollen unser Schiff weiter vor legen. Ein großes italienisches Kriegsschiff wird von zwei Schleppern an den Kai bugsiert, wo wir liegen wollten.
Peter, der hier in Brindisi von uns Abschied nimmt und heimfährt, hat noch die Möglichkeit, mit uns in einer Pizzeria das "Abschiedsmahl" einzunehmen. Dann setzen wir uns alle gemeinsam in ein Café und genießen Cappuccino, Café freddo und Espresso. Anschließend gibts "Ausgang", den ich dafür benütze, gemeinsam mit Eva ein prima Gelati zu konsumieren.
In Brindisi ist übrigens mindestens in jedem zweiten Haus ein Reisebüro oder eine Agentur untergebracht, denn von hier aus verläuft offensichtlich der gesamte Fährverkehr ins restliche Mittelmeer, insbesondere nach Griechenland, Albanien und in die Türkei.
Für uns verspricht die Überfahrt nach Korfu recht rauh zu werden, denn wir haben schon bei der Ausfahrt um 1700 viel jungen Wind und müssen damit rechnen, daß er noch zulegen wird. Sicherheitshalber setzen wir das Trysegel zur Genua 3, was sich sehr bewähren wird. Leider sind durch Teer im Hafen unsere Fender völlig verschmutzt, und Klaus, dessen Knöchel bis auf einen riesigen blauschwarzen Fleck wieder einigermaßen in Ordnung ist, macht sich um die Fenderreinung verdient. Wir haben zwischen 10 und 2 Uhr Wache und sehen in der Ferne einen Hubschrauberträger, dessen Hubschrauber unermüdlich Runden zieht und irgendetwas zu suchen scheint. Plötzlich rast unmittelbar vor unserem Bug ein unbeleuchtetes Powerboat von Albanien her vorbei - schließlich sind wir knapp vor der albanischen Küste ! - und verschwindet genauso rasch, wie es gekommen ist, in der Dunkelheit. Vermutlich handelt es sich um Schmuggler, die durch die Maschen der italienischen Küstenwache schlüpfen wollen. Der Hubschrauberträger fährt schließlich einige Zeit parallel zu uns her, dann dreht auch er ab. Wir hingegen kreuzen, kreuzen, kreuzen, denn der Wind steht unserem Kurs direkt entgegen - der Weg nach Korfu verdoppelt sich.
Nach genau 24 Stunden und unermüdlicher Kreuz legen wir endlich im Fährhafen von Kerkyra an, um in Griechenland einzuklarieren. Die letzten paar Meilen nach Gouvia - unser Törn ist zu Ende, wir liegen in der Marina.
Die Marina ist seit meinem letzten Aufenthalt hier - vor vier Jahren beim Törn durchs Ionische Meer - völlig ausgebaut und modernisiert worden. Gab es damals nur ein paar mickrige Blechhütten, so hat man inzwischen (viel zu wenige) moderne Sanitäranlagen errichtet, es gibt ein Restaurant, ein Café und leider auch einen intakten Zaun. Das merken wir, als wir auf der Suche nach einem Ausgang, geplagt von äußerst blutgierigen Gelsen, durch halb Korfu hatschen. Endlich finden wir doch den (Hinter-) Ausgang und auch ein nettes Lokal, wo wir uns griechischen Genüssen fast ohne Ende hingeben.
Auch ein Teil der nächsten Crew, die mit Johannes nach Djerba in Tunesien übersetzen wird, ist schon angekommen; der Rest soll morgen im Lauf des Tages anreisen. Georg, Günter und ich wollen erst morgen abend abfahren, so dass wir uns heute mit dem Schlafengehen lange Zeit lassen können. Ich habe nämlich meinen Plan, über Koper zurückzufahren, fallen gelassen. Es ist viel leichter, eine Fähre nach Brindisi aufzutreiben und dann über Italien mit dem Zug heimzufahren. Eva und Klaus hingegen haben für halb vier ein Taxi bestellt, denn ihre Fähre geht schon in aller Herrgottsfrühe.
Samstag, 29. August 98
Es plätschert durch die Luke! Ich habe auf der Schlafplattform im Achterschiff ausgezeichnet geschlafen, aber ein Regenguß weckt mich. Schnell ziehe ich das Luk zu, drehe mich in den Schlafsack und schlafe weiter, bis mich um halb acht ein gewisser innerer Druck ins Freie treibt, in die Nähe des Kaffeehauses, wo es auch Frühstück gibt. Der Regen hat längst aufgehört, und nach und nach taucht auch der Rest der Crew auf.
Es ist für uns - Georg, Günter und mich - Zeit, uns zu verabschieden. Mit dem Bus fahren wir in die Stadt, denn Georg und ich wollen uns um eine Fähre umsehen; Günter hat für nach Mitternacht einen Flug bekommen, er hat schon vor drei Wochen gebucht. Skrintzi-Lines hat noch etwas frei, allerdings erst morgen früh um eins. Paßt, da können wir wenigstens gemeinsam den Tag in Kerkyra verbringen.
Wir beginnen gleich damit, daß wir durch die Gäßchen der Stadt schlendern, zwischendurch etwas "shopen", zahllose Cafés und Lokale besuchen, wieder etwas herumschlendern ... Das Gepäck haben wir am Fährpier in einer Aufbewahrung gelassen. Georg will noch einen Sprung bei seinen Großeltern vorbeischauen, die ausgerechnet hier ihren Urlaub verbringen. Wir verabreden uns für halb elf bei der Fährstation. So schlendern halt Günter und ich allein weiter, besuchen zahllose Lokale und Cafés, ...
Plötzlich wird der Himmel dunkel, ein Gewitter zieht sich zusammen. Rechtzeitig setzen wir uns in ein Lokal unter den Kolonnaden, und schon prasselt der Regen herunter wie in den Tropen. Es blitzt grell, laut krachend rollen die Donner. In kürzester Zeit steht die Straße unter Wasser, die Kanäle, verstopft vom mitgeschwemmten Schmutz, können die Wassermassen gar nicht aufnehmen. So schnell der Guß gekommen ist, hört er auch wieder auf, und nur ein paar Wasserlachen zeugen noch vom überstandenen Gewitter.
Langsam aber sicher naht die Zeit unserer Abreise. Mit einem Taxi fährt Günter zum Flughafen, und da kommt auch schon Georg. Wir kaufen noch einige Kleinigkeiten im Duty-free-Shop, dann legt auch schon unser Schiff an, und wir können uns inmitten einer Menge Mitreisender an Bord drängen.
Sonntag, 30. August 98
Georg und ich haben uns auf dem Oberdeck einen recht günstigen, windgeschützten Platz gesichert, und ich schlafe - die Reisetasche als Polster - in meinem Schlafsack wirklich ausgezeichnet. In der Früh kommen wir in Brindisi an, aber zu unserem Schreck legt die Fähre weit, weit draußen an. Man hat aber vorgesorgt: Ein Strintzi-Bus führt uns in die Stadt. Mit der Summe der Verkehrsübertretungen, die der Chauffeur auf dieser Fahrt begeht, können manche Leute mindestens fünf Jahre auskommen. Allein das Mißachten der Stoptafeln, das Überschreiten der Geschwindigkeitsbeschränkungen und das Überfahren der Sperrlinien würde für mehrere Monate Führerscheinentzug ausreichen.
Leider reißt, als wir uns und unser Gepäck zum Bahnhof von Brindisi schleppen, der Schulterriemen meiner Reisetasche, und ich muß das gute Stück an den Henkeln tragen. Nur wer ähnliches schon erlebt hat, weiß meine Flüche nachzuempfinden!
Unser Zug fährt knapp nach Zwölf; zwei Stunden haben wir uns vorher in einem Café von der Plackerei ausrasten können. Leider ist der Zug völlig überfüllt, mit Mühe erobern wir Klappsitze im Gang. Mit "überfüllt" meine ich nicht etwa nur voll. Anderen gehts noch viel schlechter, sie müssen stehen. Und keine Chance, daß sich der Zug leert - im Gegenteil, es steigen in jeder Station mehr Leute zu. Noch dazu ist unser Waggon der letzte vor dem Buffetwagen, und mindestens einmal pro Minute müssen wir - "Scusi, permesso"! - die Beine einziehen, um jemanden vorbeizulassen. Nach sieben Stunden Fahrt wirds in Rimini ganz arg, und wir stehen auf, um die Passagiere vorbeidrängen zu lassen. Plötzlich erklärt eine Japanerin meinen Platz als für ihren Sohn besetzt. Natürlich sage ich dem jungen Mann, daß das mein Platz ist, aber da beginnt die Frau Mama mit einem japanisch-italienischen Sermon, der im gesamten Zug zu hören ist. Schließlich reicht es - die restlichen Fahrgäste sind genau so verblüfft wie ich über diese Frechheit - einem jungen Mann hinter mir. Er zieht einen Dienstausweis (Bahnpolizei oder sowas) und sagt entschieden: "Basta, finito, Signora!" So kann ich dann auch die restliche Stunde bis Bologna noch in Frieden sitzen.
Pünktlich kommt der Zug in Bologna an, wir suchen uns ein Lokal und essen -nein, keine Spaghetti Bolognese, sondern eine Pizza. Darauf gehen wir zum Bahnsteig und setzen uns in eine Art Wartesaal. Zufällig erwischen wir den, wo die Hascher von Bologna sich ihr Stelldichein geben, denn beinahe alle Anwesenden drehen und rauchen Joints.
Ab jetzt haben wir keine Platzprobleme mehr, denn wir haben uns Plätze reservieren lassen. Georg steigt in Klagenfurt aus, er will seine in Reifnitz tauchende Freundin überraschen, ich steige in Bruck/Mur in den Zug nach Graz. Der Zug nach Krottendorf ist eine Draufgabe. Um 1000 Uhr stelle ich, von 33 Stunden Fahrt völlig geschafft, meine Reisetasche zu Hause ab. Nun hat sich auch für mich der Kreis geschlossen, der Kreta-Törn ist endgültig zu Ende. - Möglicherweise wohl nicht mein letzter ...